Wirtschaft statt Werther?

Wirtschaft statt Werther?

Die Schülerin Naina aus Köln bringt die Schieflage auf den Punkt: „Ich bin fast 18 und habe keine Ahnung von Steuern, Miete oder Versicherungen. Aber ich kann ne Gedichtanalyse schreiben. In vier Sprachen.“

Damit hat sie einen Twitter-Storm ausgelöst. Den Nerv der Medien- und „Erwachsenen-Welt“ getroffen. Die politische Debatte wird folgen, sollte sie jedenfalls.

Schauen wir etwas tiefer: Die Wirtschaft, wenigstens einmal der DIHK fordert seit Jahren mehr Wirtschaftskompetenz für die Schüler. Echte Resonanz gleich Null. Die Argumente, die für mehr Wirtschafts- und Rechtskompetenz sprechen sind von der Wirtschaft selbst kommend ja rein interessegeleitet und deshalb abzulehnen, meint der gemeine Bildungspolitiker wohl.

Zur deutschen Diskussionskultur fand übrigens Dieter Nuhr neulich ohnehin so treffend, es werde nicht argumentiert, sondern in Schubladen gesteckt. Wohl gesprochen!

Nun denn: Werther gegen Wirtschaft, Algebra und Naturwissenschaften gegen Angebot und Nachfrage aufzurechnen macht keinen Sinn. Für beides muss Raum sein. Ob aber wirklich alles, was da zum „Reifezeugnis“ führt, aber tatsächlich sein muss, daran bin ich schon zu meiner Abizeit verzweifelt. Hatte aber kein Twitter 🙁

Denn es macht wohl, gerade bei G8, kaum Sinn, Wirtschaft und bitte, so viel Zeit muss sein, Recht, einfach on top zu packen. Fast noch fraglicher ist es zudem, ob es Sinn macht, Lehrer, die vor Jahr und Tag mal Sozialkunde studiert hatten, nun für das neue Fach in die Bütt zu werfen. In Kunst unterrichtet der Blinde ja auch nicht Farben!

Genauer hingesehen, hat jeder 15jährige, der ohne Erziehungsberechtigte beim Italiener am Tisch eine Pizza gegessen hat schon vier Verträge auf einmal abgeschlossen: ein Mietvertrag für das Geschirr, ein Werkvertrag für das Kochen, ein Dienstvertrag für den Service und ein Kaufvertrag für eben die Pizza. Alles schwebend unwirksam … und sollte die Pizza nicht geschmeckt haben, das Lokal meist leer sein, aber trotzdem dicke Gewinne abwerfen, dann wüßte selbst ein mit allen Wassern gewaschener Schüler auch warum.

Will heissen, es geht in Wirtschaft bitte nicht nur um Volkswirtschaftslehre und Finanzen, sondern auch um Betriebswirtschaftslehre oder die Frage: wie mache ich mich selbstständig? Wie lege ich Geld optimal an, wie sorge ich für das Alter vor, was heisst demographischer Wandel wirklich? Was bedeutet das für mich persönlich? Wie bewerbe und präsentierte ich mich? Welche Verträge gibt es und welche Rechte und Pflichten sind damit verbunden? Naina hat völlig recht: wer nicht gerade auf einem der recht wenigen Wirtschaftsgymnasien ist, hat von all dem allein von der Schule her null Ahnung.

Mein Verdacht schon in den 80ern war, dass es den – meist „linken“ – Bildungspolitikern ganz recht war, die Schüler erst einmal naiv weltfern zu halten. In unserem Sozialkundeunterricht ging es jedenfalls meist um Sozialprojekte in der Dritten Welt, Dauerkrisen in fernen Ländern und das Dritte Reich. Dank Elternhaus, überregionalen Tageszeitungen und anderen Qualitätsmedien konnte der Schaden noch in Grenzen gehalten werden.

Wer jedoch nicht weiss, welche Räder wirklich ineinandergreifen und wie Politik & Wirtschaft ticken, kann auch wenig kompetent mitreden. Gerade in einer Zeit, in der die Waage immer mehr in Richtung „der Alten“ zu kippen scheint, die Regierung der Gerontokratie entgegenblickt, passt es ins Bild, wenn die, die Zeche zahlen sollen möglichst unbedarft sind und nicht murren. Honi soit qui mal y pense …

Dazu passt auch gut die Meldung aus dem letzten Jahr, dass die jetzige Jugendgeneration die unpolitischste seit Beginn der Messung sei. Gut, wenn sie aufwacht. Und noch besser, dass sie dann das Internet hat – eine Waffe viel wirkungsvoller als alles was die 68er hatten …

In der Kurzfassung: In der Schule lernen Schüler alles Mögliche, nur nichts für den Alltag, den Beruf und für eine kritische Analyse von Wirtschaft und Politik.

Leif Erik Wollenweber ist Wirtschaftsphilosoph mit einem Faible für die Vernetzung der Themen Strategie, Politik, Leadership und Change. Als Sozial- und Politikwissenschaftler unterrichtet er Fächer der Business Administration an der FOM Hochschule für Oekonomie und Management und der Hogeschool Venlo. Als unorthodoxer Ratgeber findet Leif Erik Wollenweber effektive Lösungen für Strategie- und Managementprobleme. Von seinen Kunden besonders gefragt ist seine Fähigkeit zur Vermittlung von strategischem und unternehmerischem Denken. Seine Kompetenz basiert auf seiner mehrjährigen Führungserfahrung, vielfältigen Branchenkenntnissen, seinem interdisziplinären Fachwissen als Managementforscher und seiner seit 2009 erfolgreichen Tätigkeit als Unternehmensberater und Business Trainer.

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