Traue keiner Statistik – 111 Mißverständnisse 5

Traue keiner Statistik – 111 Mißverständnisse 5

„Traue keiner Statistik, die Du nicht selbst gefälscht hast!“ Kaum ein Churchill-Aphorismus ist bekannter als dieses. (Außer vielleicht „no sports“.) Das Dumme nur: Sein Ausspruch wird praktisch immer zitiert, wenn mit Statistiken argumentiert wird oder wenn sie auch nur angeführt werden.

Nur führt ein solches Verhalten jede – vormals – sachorientierte Diskussion in die Leere. Aussagen, die nicht belegt werden können, driften entweder in die Beliebigkeit oder, schlimmer noch, beginnt der Streit um Weltanschauungen, wo Fakten nicht mehr akzeptiert werden.

Was derzeit wieder an aller Orten zu lesen und tatsächlich an der Hochschule festzustellen ist, ist ein teils dramatischer Mangel an grundlegenden mathematischen Kenntnissen. Das gilt auch und gerade für Statistik und Wahrscheinlichkeitsrechnung. Was ich nicht selbst erfassen und nachvollziehen kann, erkläre ich doch einfach als ungültig – so scheint die Denkart.

Ohne Zweifel, schon mit einer absolut richtig berechneten und korrekt dargestellten Statistik lassen sich mitunter diametral auseinanderliegende Aussagen belegen. So kann die sinkende Neuverschuldung als heroischer Erfolg aufgrund der Spardisziplin der Bundesregierung verstanden werden, oder als Bankrotterklärung, da selbst bei Rekordsteuereinnahmen noch Schulden gemacht werden müssen. Oder es klingt weit beruhigender, wenn nur (!) 0,6% der Hartz-IV-Empfänger kürzlich aus Mittelosteuropa zu zu uns gekommene Unionsbürger sind als wenn man von fast 27.000 Rumänen und Bulgaren spricht, die in unsere Sozialsysteme eingewandert sind.

Die meisten Tricksereien erfolgen also nicht durch die tatsächliche Fälschung der Statistik, sondern durch die gezielte Beeinflussung unserer Wahrnehmung über eine geschickte Darstellung unter entsprechender Weglassung oder Hinzufügung kleiner Details. Die gute Nachricht: Durch genaues Hinschauen und Zuhören können wird dies aufdecken. Die schlechte: Wir sind meist zu denkfaul und bei vielen reichen die mathematischen Kenntnisse nicht mehr, um der Manipulation zu entgehen.

Sicherlich sind manche Statistiken schlichtweg gefälscht, doch das ist ein weit größeres Risiko, als nur ihre Darstellungsweise so zu verändern, dass der gewünschte Effekt genau so gut erreicht wird. So oder so, als mündige – und demokratiefähige – Bürger sollten wir uns wappnen und ein wenig mental aufrüsten. Dann können wir es uns leisten, Statistiken nicht mehr pauschal als nicht vertrauenswürdig abzulehnen, sondern sie zu nehmen, wie sie kommen und uns unseren eigenen Reim machen.

Mein Tipp: Vielleicht einfach mal ein unterhaltsames Matherätselbuch besorgen – oder ein, zwei Trainingsstunden beim Mathestudenten buchen. Letzter Anreiz: Eine Statistik in Großbritannien zeigte: Akademiker mit mathematisch geprägten Studium hatten mit 60 Jahren ein doppelt so hohes Vermögen wie reine Geistes- und Gesellschaftswissenschaftler! Aber: traue keiner Statistik, die Du nicht selbst gefälscht hast…