Griechenland und D-: Der Klügere gibt nach, bis er der Dumme ist

Griechenland und D-: Der Klügere gibt nach, bis er der Dumme ist

Als Schreiber eines Management-Blogs über Politisches zu schreiben, gilt als riskant. Aber als Bürger unpolitisch zu sein ist vielleicht riskanter. Deshalb, im Vorgriff auf das zu erwartende Ergebnis des griechischen Referendums und zum Verhalten von Bundeskanzlerin Angela Merkel:

Wenn ich zu jeder Gelegenheit, bei der ich mich in den vergangenen Monaten und Jahren über griechische Regierungen geärgert habe, einen Artikel verfasst hätte, wäre hier kein Blog, sondern eine „Bibel“ entstanden. Speziell für das, was Tsipras & Konsorten seit Amtsantritt geboten haben, wäre „bodenlose Unverschämtheit“ noch geschmeichelt. Ein passendes Wort will mir nicht einfallen, es muss noch erfunden werden. Alles, was die Geberländer gerade in dieser Zeit an Zugeständnissen und gutem Willen gen Griechenland gesandt haben, ist verschwunden in einem schwarzen Loch.

Deshalb gilt immer und erst recht für Griechenland, encore une fois, lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende. Grexit: ja, bitte. Beendet bitte die Farce. Sprecht Klartext. Helft Griechenland beim Aufbau einer wettbewerbsfähigen Wirtschaft, einer effizienten Verwaltung und eines effektiven Steuersystems. Der Ursache für die Krise sind schließlich nicht irgendwelche bösen Mächte, sondern das jahrzehntelange Fehlen von genau diesen drei, ganz deutlich: kein funktionierendes Geschäftsmodell, ewig lange und intransparente Verwaltungsprozesse und ein extrem ungerechtes und leistungsfeindliches Abgaben- und Steuersystem.

Wenn die eine Seite zu stark, zu laut und zu dreist wird, dann muss die andere Seite entsprechend schwach sein. Kommen wir also zur EU, zum Kommissionspräsident Juncker, zum Präsidenten Hollande und vor allem zu Bundeskanzlerin Angela Merkel. Ganz offenbar hatten alle drei keine ökonomische Leitlinie, die sie hätte Kurs halten lassen. (Der NSA und Wikileaks sei Dank haben wir das inzwischen schwarz auf weiß.) Ohne Kiel und starkes Ruder haben sie sich von Griechenland treiben lassen, haben zwar rote Linien in den Sand gezeichnet, aber immer im Bereich der Brandung, so dass die nächste griechische Welle sie einfach davon spülte.

Längst ist nun die verballhornte Redensart: „Der Klügere gibt so lange nach, bis er der Dumme ist“ Realität geworden. Während die Griechen nun urdemokratisch darüber abstimmen dürfen, ob sie weiter vom Geld anderer leben wollen, ohne dies in auch nur entfernt absehbarer selbst erwirtschaften oder gar zurückzahlen zu können oder ob sie auf die harte Tour auf Entzug gehen wollen, schauen alle anderen Bürger der Euro- und Kreditgeberländer dumm und doof dabei zu. Ist es nicht herrlich, über das Geld anderer befinden zu können, und das auch noch demokratisch ebenso legal wie legitimiert? Dem einzelnen Griechen ist da kein Vorwurf zu machen, psychologisch ist das ja einfachst nachzuvollziehen.

Nur warum ist da – hüben wie drüben – kein Staatsmann (oder von mir aus keine Staatsfrau), der Tacheles redet? Der den Griechen gibt, was den Griechen ist und den Gläubigern, was den Gläubigern ist. Der klar sagt: „Ihr müsst nicht tun, was andere von Euch wollen, aber dann verlangt auch kein Geld. Wenn Ihr den Euro unbedingt wollt, in den Ihr Euch durch Betrug geschlichen habt, dann müsst ihr die Bedingungen eben im Nachhinein erfüllen. Und wenn ihr diese Bedingungen nicht erfüllen wollt, dann verzichtet auch auf den Euro.“

Das Prinzip ist eine altes, man kann seine Linien zurückziehen bis zur Magna Charta und zur US-amerikanischen Unabhängigkeit: „No taxation without representation“. Wenn wir bezahlen sollen, wollen wir mitreden. Wenn wir nicht mitreden sollen, bezahlen wir auch nicht. Fair enough! Keine Erpressung, sondern Wahlfreiheit.

Angela Merkel hat in dieser Frage – wie so oft – leider nur als Politikerin gehandelt, hin- und herlaviert, taktiert, aber keine Linie gezeigt. Die Führung, die ihr gern angedichtet wird, hat sie nicht übernommen, sondern sie fällt ihr zu, da die anderen (s. Hollande und Juncker) noch schwächer sind und die Briten eh auf einem vollkommen anderen Dampfer fahren.

Wenn Griechenland jetzt stehenden Fusses pleite ist, seine Regierungbande per Referendum stützt, diverse Fristen lange abgelaufen sind und zig Milliarden im Falle des Staatsbankrotts abgeschrieben werden müssen. Was dann? Wenn einer einmal aufrechnet, wie viel besser Griechenland, die Euroländer und wir Deutsche, ja, wir Deutsche, uns politisch und finanziell gestanden hätten, wenn dieser unvermeidlich Schnitt zur rechten Zeit gemacht worden wäre? Welche Konsequenzen zieht unsere Regierung dann? Schwört ein Kanzler nicht, Schaden von seinem Volk abzuwenden? Wohlgemerkt, gemeint ist das deutsche!

Angela Merkel hat gesagt: „Scheitert der Euro, scheitert Europa“. Für ihre Verhältnisse ungewöhnlich griffig, aber falsch. Zu Europa gehört unter anderem Russland, und Putin freut das Ganze eher. Gemeint war wohl die EU, aber wohlweislich sind längst nicht alle EU-Mitglieder im Euro – s. Großbritannien. Sofern Italiener, Portugiesen, Spanier und Franzosen jetzt nicht auf falsche Gedanken kommen, was nach dem heutigen Referendum passieren könnte, scheitert nicht einmal der Euro. Wenn Griechenland jetzt allerdings finalment zum Rohrkrepierer wird, dann scheitert vielleicht nur eine Person: Angela Merkel.

Ursula von der Leyen wird`s freuen …

Fazit: Was mit Griechenland jetzt auch immer passiert, watt fott is, is fott, da kann man nix maake, letztendlich isset immer noch jot jejange, Schwamm drübber.

Aber wir sollten dringend und endlich unser deutsches Demokratiedefizit angreifen. Weil wir Deutsche bei Entscheidungen von großer Tragweite gefragt werden sollen, wollen, müssen.*

 

PS: Warum ich so sauer bin? Weil es doch um meine Zukunft und vor allem die meiner Kinder geht. Vor allem bei letzterem bin ich empfindlich. Weil die EU zu einem undemokratischen Moloch heranwächst, bei dem die wichtigen Entscheidungen praktische ohne demokratische Legitimation getroffen werden. Wo die Griechenland eine Volksabstimmung zum Euro durchführt, Deutschland aber nicht. Wo bei EU-Wahlen eine Luxemburger Stimme so viel zählt wie 100 Deutsche. So gut die Idee der europäischen Integration ist, so sehr haben wir uns in ihrer Umsetzung verrannt.

* Und nein,rein präventiv: Die Dritte Reich ist kein Gegenbeweis für die mangelnde Demokratiefähigkeit der Deutschen, die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei hatte in demokratischen Wahlen keine Mehrheit erzielt.

 

Leif Erik Wollenweber ist Wirtschaftsphilosoph mit einem Faible für die Vernetzung der Themen Strategie, Politik, Leadership und Change. Als Sozial- und Politikwissenschaftler unterrichtet er Fächer der Business Administration an der FOM Hochschule für Oekonomie und Management und der Hogeschool Venlo. Als unorthodoxer Ratgeber findet Leif Erik Wollenweber effektive Lösungen für Strategie- und Managementprobleme. Von seinen Kunden besonders gefragt ist seine Fähigkeit zur Vermittlung von strategischem und unternehmerischem Denken. Seine Kompetenz basiert auf seiner mehrjährigen Führungserfahrung, vielfältigen Branchenkenntnissen, seinem interdisziplinären Fachwissen als Managementforscher und seiner seit 2009 erfolgreichen Tätigkeit als Unternehmensberater und Business Trainer.

0 Kommentare

Eine Antwort hinterlassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*