Fortschritt, Erfolg und Geschwindigkeit

Fortschritt, Erfolg und Geschwindigkeit

Jetzt im Sommer hatte ich das Vergnügen, einmal wieder etwas mehr durch verschiedene Lande zu reisen. In einigen sprachen die Menschen so schnell, dass ich meist drei mal nachfragen musste, bis ich es verstanden hatte. Dafür dauerte das Umsetzen einer Bitte und war das Verständnis von „jetzt gleich“ deutlich „zeitintensiver“ als das meiner Vorstellung entsprach. In wieder einem anderen Land fuhren die Autofahrer allesamt so langsam, dass es mir die Zehen aufgerollt hätte – hätte es dann nicht ganz den Anschein gehabt, dass sie gerade dadurch flüssiger und ohne vollständigen Stillstand schneller vorab kamen. Ein ganz ähnliches Bild ergab sich dort an den Drugstore-Kassen – die einzelnen Kassierer strahlten nicht nur große Ruhe aus und bewegten sich auch mit solcher. Aber da es für alle Kassen nur eine Warteschlange gab, und bei größerem Andrang eben mehr Kassen geöffnet wurden, blieb die Wartezeit immer kürzer als ich es hierzulande auch nur zu träumen gewagt hätte. Dafür musste ich dann feststellen, dass die dortige Vorstellung, Distanzen von mehr als 2 KM innerstädtisch zu Fuß zu überbrücken als gerade zu unvorstellbar angesehen wurde. Auch war es schwer zu schaffen, die Strecke zwischen zwei rund 300 KM auseinander liegenden Städten gezielt mit dem Zug und nicht mit dem Flugzeug zurückzulegen. Obwohl es sich um eine Hightech-Nation handelte, gab es nur zwei Verbindungen pro Tag, mit einer Diesellok, die sechs Stunden für die Strecke brauchte. Immerhin schien es betriebswirtschaftlich Sinn zu machen, denn der Zug war ausgebucht.

Die wenig überraschende allgemeine Weisheit hinter meinen Beobachtungen steht in jedem Lehrbuch über interkulturelles Management und in guten Reiseführern. Durch`s Reisen wurde mir wieder bewusst, je nach Land, Region,  Wetter und Zeit sind Menschen anders und Zeit ist eine relative Größe.

In gleichem Zusammenhang dachte ich dann an unser X-jähriges Abitreffen, das in einem der nächsten Monat stattfindet. Im Gespräch mit dem einen oder anderen Schulfreund kam das Thema auf, wer inzwischen was und wie viel erreicht hat. Nach meinen Maßstäben hänge ich da in einigen Punkten noch deutlich hinter meinen Erwartungen zurück. Aber warum bin ich bereit, letztlich doch so entspannt und offen das unterschiedliche Zeitempfinden und Vorgehen der Menschen in anderen Kulturen zu betrachten und lege gleichzeitig an mich und andere in meinem Kreis strengere Maßstäbe an? Soll auch hier jeder seine eigene Vorstellung von Fortschritt und Erfolg haben. Wer bin ich zu beurteilen, welcher Weg der bessere ist?

Aber man lasse mich erst einmal wieder ein paar mal in einem unserer weltmeisterlichen NRW-Staus stehen, und ich sehe die Dinge schon wieder weit weniger entspannt.