Es muss ein Ruck durch Deutschland gehen …

Es muss ein Ruck durch Deutschland gehen …

Gefühlt fast gestern und doch schon vor gut achtzehn Jahren forderte der Bundespräsident Roman Herzog: „Durch Deutschland muß ein Ruck gehen. Wir müssen Abschied nehmen von liebgewordenen Besitzständen.“ Angesprochen fühlte sich – mit viel Glück – die Politik, der Rest der Republik dagegen reichlich wenig. Nun geht es uns derzeit ökonomisch gut und im Vergleich zu Ende der 1990er Jahre wohl sogar besser. Immerhin hatte Bundeskanzler Schröder mit seinen erfolgreichen Arbeitsmarktreformen ja ein wenig Herzogs Gedanken aufgenommen.

Endlich nachziehen müssen jetzt die Teile der deutschen Wirtschaft, deren fetten Jahre vorbei sind. Den größten Aufholbedarf haben die großen Versorger und Energieriesen, deren Zulieferer – hier vor allem Siemens & Co – und die Finanzwirtschaft. Die guten Jahre haben sie übergroß und damit langsam, träge, teuer und strategisch behäbig gemacht. Der rasante Wandel der Umweltbedingungen, der internationale Wettbewerb und die Anforderungen der Digitalisierung drohen die strategische und operative Anpassungsfähigkeit dieser  Industrie zu überfordern.

Ein schrittweiser Wandel wird für die Unternehmen dieser Branchen kaum mehr ausreichen, es muss mehr ein sehr großer Satz nach vorne werden. E.ON macht es vor mit der Aufspaltung seines Konzerns in den konservativen und den zukunftsgewandten Teil. Ein mutiger, da riskanter Schnitt. Den vielleicht größten Druck aber haben die Banken und Sparkassen. Sie leiden nicht nur unter dem dramatischen Wandel ihres Geschäftsmodells, historisch niedrigen Zinsen, einer Überzahl an Filialen und zu hohen Kosten, sondern auch an einer Vertrauenskrise, die sich nicht allein mit der Finanzkrise erklären lässt.

Dass einst ausgerechnet die Deutsche Bank einst mit dem Slogan „Vertrauen ist der Anfang von allem“ warb, mag heute wie Hohn klingen. Aber die Probleme, die in dem einstigen deutschen Vorzeigeinstitut kulminieren, liegen auch in anderen Häusern vor. Welche Großbank von internationaler Bedeutung hat denn in den letzten Jahren nicht vermögenden Kunden mehr oder minder aktiv bei der Steuerhinterziehung geholfen? Welche Bank kann sich denn frei davon sprechen, auf der Renditejagd den eigenen – kurzfristigen – Vorteil über die elementaren Interessen der Kunden gestellt zu haben? Und in wie vielen Häusern wird jetzt, in wirtschaftlich raueren Zeiten, überlegt, wie man noch am Kunden sparen könnte, anstatt ihn durch deutlich besseren Service und Innovationen zu begeistern? Da muss noch einiges umgeparkt werden im Kopf. Es muss ein Ruck gehen durch die Finanzindustrie!

Leif Erik Wollenweber

 

Leif Erik Wollenweber ist Wirtschaftsphilosoph mit einem Faible für die Vernetzung der Themen Strategie, Politik, Leadership und Change. Als Sozial- und Politikwissenschaftler unterrichtet er Fächer der Business Administration an der FOM Hochschule für Oekonomie und Management und der Hogeschool Venlo. Als unorthodoxer Ratgeber findet Leif Erik Wollenweber effektive Lösungen für Strategie- und Managementprobleme. Von seinen Kunden besonders gefragt ist seine Fähigkeit zur Vermittlung von strategischem und unternehmerischem Denken. Seine Kompetenz basiert auf seiner mehrjährigen Führungserfahrung, vielfältigen Branchenkenntnissen, seinem interdisziplinären Fachwissen als Managementforscher und seiner seit 2009 erfolgreichen Tätigkeit als Unternehmensberater und Business Trainer.

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