Die Paläontologie des Fussballs

Die Paläontologie des Fussballs

Warum fallen sich die wildfremde Menschen beim Rudel Gucken jubelnd in die Arme, wenn ein Dutzend Fußballmillionäre in einem fernen Winkel der Welt das Runde in das Eckige gejagt haben?

Warum versammelt sich die gesamte Nachbarschaft bei dem mit dem größten Fernseher, warum werden ganze Rinderherden gegrillt und immer tüchtig mit literweise Bier begossen?

Warum zelebriert der moderne Mensch, bis eben noch in Anzug und Krawatte gezwängt, nun – fernab vom Karneval – närrisch in meist um die Körpermitte spackenden Fussballtrikots und Nationalfarben auf den Wangen schreiend, jubelnd, weinend diese Rituale?

Weil es tief in unseren Genen liegt.

In den Zeiten, auf die unser Urverhalten, unsere Rituale und Emotionen zurückgeht, war der Erfolg der in den Kampf entsandten Männer nicht weniger als die Entscheidung über Wohl oder Wehe. Ja, eine Frage von Leben und Tod.

Größere Städte gab es noch kaum, Staaten gar nicht, die meisten Menschen lebten in kleinen Dörfern oder Stämmen zusammen. Ständig gab es Scharmützel, Kämpfe und Kriege zwischen ganzen Völkern, wenn der Lebensraum für die einen knapp wurde.

Was geschah am Vorabend zu so einer Schlacht? Die Recken, die in den Kampf für ihren Stamm zogen wurden gehegt und gepflegt. Ihnen zu Ehren wurden Tiere geschlachtet und über dem Feuer geröstet, an nichts sollte es denen fehlen, die den nächsten Abend möglicherweise nicht erleben würden.

Und dann ging es los. Mit Fahnen, lauten Pfeifen und Trommeln, Geschrei und martialischem Schmuck ging es auf das Schlachtfeld, um den Gegner möglichst schon vor dem ersten Schwertstreich zu verängstigen. Aus der Ferne beobachtete man dann, wie die Gegner aufeinander trafen.

Die Sieger konnten im besten Fall alle Besitztümer ihrer Feinde übernehmen, das Volk versklaven, reich werden und wachsen. Für die Verlierer begannen Jahre der Dunkelheit, wenn nicht sogar der Untergang.

Was ist so anders beim heutigen Fußball? Die Aufeinandertreffen unserer Recken werden begleitet, als gebe es nichts Wichtigeres. Wir fiebern mit, springen auf, wenn wir(!) Tore schießen, brüllen und fluchen, wenn das Blatt sich zu wenden droht, sind bewegt vor Glück, wenn wir als Sieger vom Felde schreiten. Das Feier, Grillen, Saufen ist da, die Heldenverehrung und Vergötterung auch. Ja, die Bundesrepublik leistet sich gar seit Jahrzehnten wieder einen Kaiser.

Anders als in früheren Zeiten ist nur, dass wir am nächsten Tag, schwer unausgeschlafen und vielleicht gar verkatert zwar, uns wieder zu Arbeit schleifen. Niemand wird unser Haus plündern, Weib und Kinder rauben und die abgeschlagenen Köpfe der Männer zur Mahnung auf Stecken vors Stadttor setzen.

Abgesehen von der Erkenntnis unseres atavistischen Verhaltens, was können wir lernen?

Nun, so aufgeklärt, gebildet und intelligent wir auch sind, offenbar schlagen diese Urtriebe bei nahezu jedem durch. Wer wird nicht doch gepackt, nach Spielen wie gegen Frankreich (eh schon seit Jahrhunderten ein Lieblingsgegner …) und Brasilien?

Auf Staatenebene sind größere Ideen nicht ohne Gemeinsinn und Begeisterung zu schaffen. Nationalsportarten wie Fußball haben dabei gerade in Schwellenländern und in der Dritten Welt eine nochmals größere Bedeutung als in saturierten Industriestaaten. Dort hängt Wohl und Wehe vom Erfolg der Nationalmannschaft ab. Auch wir Deutsche können uns von diesen Effekten nicht frei sprechen, gerade die erste Weltmeistertitel 1954 brachte eine Aufbruchstimmung, deren Wirkung für das daniederliegende Deutschland kaum überschätzt werden kann.

Ein solcher Ruck könnte jetzt auch gut durch die EU gehen, lange werden Deutschland, die Skandinavier und die Niederlande nicht allein die Gemeinschaft durchschleppen können. Allein mit dem Verweis, dass es zwischen den heutigen EU-Staaten seit rund 70 Jahren keinen Krieg mehr gab, lässt sich kein Hund mehr hinter dem Ofen hervorlocken. Ob ein Non-Event überhaupt zur Motivation taugt, ist ohnehin äußerst fraglich. Ein gemeinsames Projekt, das (mehr) Wachstum und Wohlstand für alle verheißt, das wäre ein Ansatz.

Und auf Unternehmenesebene gilt gleiches. Manager, die meinen mit Professionalität allein wären Höchstleistungen zu erzielen, jeder brächte seine optimale Leistung, weil er ja gut bezahlt sei, gibt es noch zu genüge. Kein Wunder, wenn gerade diesen jeder Sinn dafür abgeht, eine Vision zu vermitteln, die alle mitreißt. So wie das unbedingte Ziel, Weltmeister zu werden. Egal in welcher Disziplin oder auf welchem Markt.