Die Digitalisierung und wir

Die Digitalisierung und wir

Digitalisierung, das Internet der Dinge, Machine2Machine-Kommunikation, Künstliche Intelligenz, 3D-Druck, Deep Learning, Industrie 4.0 – Begriffe, die eine Zeitenwende bedeuten. Die Menschheit wird zukünftig mit beispielloser Effektivität und Effizienz arbeiten, produzieren und steuern können. Doch könnten zugleich Arbeitsplätze in einer Zahl und Qualität vernichtet werden, die durch keinen Produktivitätsfortschritt zu kompensieren sind.

Freilich sind Prognosen stets unsicher, doch die beginnende vierte industrielle Revolution, unterscheidet sich von ihren Vorgängerinnen dadurch, dass nun erstmals nicht nur die physische Arbeitskraft des Menschen ersetzt – und übertroffen – wird, sondern auch seine geistige Leistung. Nicht nur ungelernten Kräfte und Facharbeiter droht damit die Ersetzbarkeit, sondern auch Akademikern. In der Medizin diagnostizieren Roboter bestimmte Erkrankungen erheblich präziser und schneller als der Arzt, in der IT übernehmen intelligente Programme Administration von Betriebssystemen und Datenbanken, Software-Testing und schreiben bereits Codes, Robo-Berater sind besser – und mutmaßlich ethischer – als Banker, ja, selbst Kollege Anwalt erhält Konkurrenz durch den Rechtsroboter Ross, der aus Rechtsnormen und Präzedenzfällen Argumentationslinien erstellt.

Nota bene: Dies ist bereits Stand des Jahres 2016. Während wir Menschen allerdings nur langsam – wenn überhaupt – dazu lernen, entwickelt die Computertechnik nahezu exponentiell neue Fähigkeiten. Das wird weit mehr Konsequenzen haben als in diesem Beitrag auch nur angerissen werden kann. All jene, deren Tätigkeit großteils aus Routinen besteht, die damit standardisierbar und automatisierbar sind, sollten sich schleunigst gezielt weiterbilden. Die besten Chancen, auch noch in Zukunft gebraucht zu werden sind bestimmte personennahe Dienstleistungen und alle Aufgaben, die Kreativität, Innovationskraft und die Fähigkeit zu komplexen Entscheidungen bedürfen.

Schätzungen verschiedener Studien gehen davon aus, dass in den nächsten Jahren bis zu 25% der akademischen Berufe und bis zu 80% der Geringqualifizierten in den Industrieländern digital ersetzbar werden. In den Schwellenländern liegen die Werte noch schlechter. Voraussichtlich werden dadurch zwei Scheren weiter geöffnet, die bereits heute unsere Gesellschaften zerteilen. Der Wert mancher einfacher Arbeit wird so stark sinken, dass das bedingungslose Grundeinkommen keine entrückte Philantrophen-Idee mehr sein wird, sondern eine sozioökonomische Notwendigkeit. Noch heikler könnte dazu die Vermögensverteilung werden. Die Kapitaleigner werden mit Unternehmen, die mit deutlich sinkender Personalstärke eine immer höhere Produktivität erzielen, und damit entsprechend steigende Gewinne. Darauf wird die Politik salomonische Antworten finden müssen.

Unternehmen jedenfalls werden ihre Organisation und ihre Führungskultur anpassen müssen. Gefragt werden sein agile Prozesse, unternehmerisches Denken aller Mitarbeiter, die entsprechende Freiheiten und Rechte erhalten müssen. Die Unternehmen werden kontinuierlich in IT und in die Qualifikation ihrer Mitarbeiter zu investieren haben, wobei jeder Einzelne sich nicht auf betriebliche Vorgaben verlassen darf, sondern sich selbst – immer wieder neu – positionieren muss. In aller Kürze: Industrie 4.0 erfordert Management 4.0.

Doch was bedeutet die Entwicklung für uns, für jeden Einzelnen? Da technische Tätigkeiten zunehmend von Kollege Computer übernommen werden, sollten wir Menschen die folgenden 10 Stärken stärken:

  1. Analysieren und Entscheiden bei Komplexität
  2. Soziale Kompetenz
  3. Interkulturelle Kompetenz
  4. Teamfähigkeit
  5. Fähigkeit zur Teamarbeit und zum Führen auf Distanz
  6. Interdisziplinäres Know how
  7. IT-Schnittstellenkompetenz
  8. Kritisches Denken
  9. Medienkompetenz
  10. Kreativität, unternehmerisches Denken, Innovation

Die digitale Leadership bedeutet zugleich auch einen Paradigmenwechsel für die Führungskräfte. In Zukunft werden sie noch sehr viel mehr mit hochqualifizierten Spezialisten, Intrapreneuren und Freelancern zu tun haben als schon heute. Und es wird teils auf noch ganz andere Kompetenzen ankommen als jetzt. Hierarchie- und Statusdenken jedenfalls sind passé. Best practices gibt es bereits. Eine ziemliche gute Vorstellung, welche Führungsskills die Manager im digitalen Zeitalter beherrschen müssen, vermitteln die acht Regeln, die Google für sein Führungsteam in einer internen Studie ermittelt hat:

  1. Sei ein guter Coach.
  2. Anstatt Micromanagement: Empowerment.
  3. Interessiere Dich für Deine Leute.
  4. Scheue keine Entscheidungen.
  5. Sei ein guter Kommunikator – und höre zu.
  6. Helfe Deinen Leuten voranzukommen.
  7. Entwickle eine klare Vision und Strategie für Dein Team.
  8. Sei Fachmann genug, um Ratschläge und Richtung geben zu können.

Wir leben in interessanten Zeiten. Das löst Ängste aus. Doch die Zeit lässt sich nicht zurückdrehen, der Geist ist aus der Lampe. Schauen wir also auf die Chancen. Die Digitalisierung bietet Lösungsansätze, die noch viel drängenderen Probleme unserer Zeit – so etwa Klimawandel, Demographie, Rohstoffabhängigkeit, tödliche Krankheiten – zu bewältigen. Doch diese Potentiale werden wir mit unserer alten Industriearbeitermentalität, mit Renationalisierung und Abschottung nicht zu heben sein. Was wir brauchen ist eine Art Mensch 2.0 – heraus aus der „selbstverschuldeten Unmündigkeit“, hin zu dem aufgeklärten, frei, kreativ und unternehmerisch denkenden Wesen, das wir sein können.